«Die Wahlmöglichkeiten machen das Rossfeld sehr attraktiv»

Interview mit Ruth Grossenbacher

Kann ein Mensch mit körperlicher Behinderung überhaupt selbstständig wohnen? Das fragte sich auch Ruth Grossenbacher. Die ehemalige Bewohnerin der Stiftung Rossfeld ist seit einem Unfall querschnittgelähmt und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Im Gespräch mit Andreas Fanger, Leiter Abteilung Wohnen, erzählt sie von ihren Erfahrungen.

 

A. Fanger: Ruth Grossenbacher, Sie haben während rund 2 ½ Jahren in der Stiftung Rossfeld gewohnt. Was ist Ihnen positiv aufgefallen?

R. Grossenbacher: Wie in der Stiftung Rossfeld auf die persönlichen Bedürfnisse eingegangen wird, finde ich sagenhaft. Ob geschützter Arbeitsplatz im Bürozentrum oder künstlerisches Gestalten im Atelier, Therapie intern oder extern, im Rossfeld wohnen und extern Arbeiten oder umgekehrt – die Angebote im Rossfeld lassen sich individuell kombinieren. Fast wie in einem Setzkasten. Diese Wahlmöglichkeiten machen die Stiftung Rossfeld sehr attraktiv.

Nach dem Unfall und der Rehabilitationsphase fand ich im Rossfeld einen Ort, an dem ich ein soziales Netz aufbauen konnte. Ich bin nicht aufgefallen als Rollstuhlfahrerin unter anderen Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern. Auch waren immer Fachpersonen da, die helfen konnten. Das gab mir grosse Sicherheit.

Die Stiftung Rossfeld bietet verschiedene Wohnformen, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit körperlicher Behinderung zugeschnitten sind. Wie haben Sie gewohnt?

Ich hatte ein Einzelzimmer mit Balkon. Dies war mir nach vier Monaten Rehabilitation, in der ich in 2-4 Bettzimmern wohnte, sehr wichtig. Ich hatte Privatsphäre und war trotzdem nicht alleine. Ich schätzte die Ruhe rund um die Stiftung Rossfeld. Aber auch die Nähe zur Stadt und die gute Erreichbarkeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. In nur 15 Minuten war ich in Bern. Das Rossfeld ist ein Begegnungsort: Ich hatte die Möglichkeit mit Bewohnerinnen und Bewohnern aber auch mit Mitarbeitenden, die im Rossfeld arbeiteten und extern wohnten, Kontakte zu pflegen.

Die Fachpersonen sind auf meine Bedürfnisse eingegangen und nahmen sich Zeit für mich. Sie förderten meine Selbstständigkeit. Anfangs war ich oft erstaunt, dass die Pflegenden neben mir standen und mir Anleitungen gaben. Ich dachte öfters, sie sollten mir mehr helfen. Aber bald wurde mir bewusst, dass sie mich fördern wollten mehr Selbstständigkeit zu erlangen. Die Pflegenden nannten das «Hilfe zur Selbsthilfe» oder aktivierende Pflege. Ich schätzte die Gespräche während der Pflegeverrichtungen - das war für mich auch ein Stück Psychohygiene.

Der Austausch mit den anderen Bewohnenden war für mich eine grosse Bereicherung. Ich lernte ihre Geschichten kennen. Dabei wurde mir bewusst, dass es anderen noch schlimmer erging als mir. Ich fragte mich öfters: Welches Schicksal wiegt schwieriger? Ein Geburtsgebrechen oder eine Behinderung durch einen Unfall?

 

Welche Angebote der Stiftung haben Sie in Anspruch genommen?

Nach der Rehabilitation war es für mich enorm hilfreich, dass ich ein komplettes Packet an Dienstleistungen in Anspruch nehmen durfte. Von den Pflegeverrichtungen über die Reinigung und Wäsche bis zum Essen. Dies erlaubte mir, mich voll auf das Wiedererlangen meiner Selbstständigkeit zu konzentrieren. Es war für mich eine grosse Entlastung, dass ich alle Angebote unter einem Dach in nächster Nähe beziehen konnte: Wohnen, Arbeitsplatz, Physio- und Ergotherapie und auch Sport- und Freizeitangebote. Mir blieb so mehr Energie und Zeit für das restliche Leben.

Seit knapp einem Jahr wohnen Sie selbstständig. Was gab den Ausschlag, dass Sie in eine eigene Wohnung gezogen sind?

Das sind viele verschiedene Aspekte: Ich schätze, dass ich eine Wohnung nur für mich habe. Auch dass jetzt mein Arbeits- und Wohnort örtlich getrennt sind. Es ist trotzdem sehr wichtig für mich, dass ich noch im Rossfeld arbeiten kann. Das hat den Schritt extern zu wohnen für mich viel einfacher gemacht. Denn das Rossfeld ist mir ans Herz gewachsen.

Inwiefern hat Sie die Stiftung Rossfeld bei der Vorbereitung auf das selbstständige Wohnen unterstützt?

Anfangs habe ich lange Zeit gezweifelt, ob ich je selbstständig wohnen kann. Dank der Unterstützung durch die Pflegefachpersonen und die Therapeutinnen habe ich den Schritt gewagt. Immer wieder haben sie mich ermutigt und mir zugesprochen: «Du schaffst das». Vor dem Einzug besichtigte ich mit einer Ergotherapeutin vom Rossfeld die neue Wohnung und sie beriet mich, wo Rampen und Haltegriffe nötig waren. Damit ich alleine die Türe schliessen kann, konstruierte sie für mich ein Hilfsmittel. Durch die Physiotherapie habe ich gelernt, am Rollator und an Krücken, zu laufen. Das hilft mir nun in meinem Alltag, z.B. wenn ich selbstständig Wäsche aufhänge. Und durch die Wassertherapie habe ich neu schwimmen gelernt – trotz Behinderung. So kann ich im Sommer sogar alleine im Moossee baden!

Auch nach dem Umzug in die eigene Wohnung arbeiten Sie weiterhin bei der Stiftung Rossfeld. Welche Bedeutung hat die Arbeit für Sie?

Die Arbeit gibt mir eine gewisse Struktur, Befriedigung, Bestätigung und Gemeinschaft. Es herrscht immer eine gute Stimmung am Arbeitsplatz. Da ich meine Hände noch benutzen kann, habe ich stets grosse Abwechslung. Ich arbeite in der Versandabteilung und in der Datenerfassung.

Besten Dank Ruth Grossenbacher für dieses inspirierende Gespräch.

Ein Auszug dieses Interviews wurde im Jahresbericht 2017 der Stiftung Rossfeld publiziert.